Dr. Ulrich Ruh
Die Veröffentlichung der ersten Enzyklika Leos XIV. („Magnifica Humanitas“) und der zumindest nach Einschätzung der Veranstalter erfolgreiche Deutsche Katholikentag in der unterfränkischen Bischofsstadt Würzburg haben ein vor wenigen Wochen erschienenes umfangreiches Dokument der Deutschen Bischofskonferenz in den Hintergrund des kirchlichen Interesses treten lassen: die neue Rahmenordnung für die Priesterbildung in Deutschland („Ratio Nationalis Institutionis Sacerdotalis“), die künftig an die Stelle eines entsprechenden Dokuments der deutschen Bischöfe aus dem Jahr 2004 tritt und die gesamtkirchliche „Ratio Fundamentalis“ von 2016 für den Bereich der Deutschen Bischofskonferenz umsetzt. Dabei verdient ihr jetzt publizierter Text durchaus größere Aufmerksamkeit; schließlich gehört das Priesteramt strukturell sozusagen zur DNA der katholischen Kirche, genauso wie – auf andere Weise – das Amt des Bischofs oder das Papstamt. Auch hierzulande prägen zum Zölibat verpflichtete Priester nach wie vor in hohem Maß das Erscheinungsbild von Kirche, sowohl im gemeindlichen Binnenbereich wie in der größeren Öffentlichkeit.
Seit der letzten deutschen Rahmenordnung für die Priesterbildung haben sich die Koordinaten für diese zentrale kirchliche Aufgabe in mehrfacher Hinsicht verändert, was sich auch im neuen Dokument niederschlägt. Der Text erwähnt unter dem Stichwort Säkularisierung (als einen Prozess, „bei dem die Religionen sich aus der institutionellen Verklammerung lösen“), dass inzwischen weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung einer christlichen Konfession angehört. Es wachse gleichzeitig die Zahl derer, „die einem christlichen Zeugnis noch nie begegnet sind und sich die Frage nach Gott noch nie gestellt haben“. Ausführlich thematisiert der Text die Missbrauchsskandale, die für das aktuelle Bild der katholischen Kirche und ihrer geweihten Amtsträger prägend seien. Priester würden mit Vorurteilen im Sinn einer „Hermeneutik des Verdachts“ konfrontiert.
Als Gegenmittel gegen die seit Jahren schwelende Missbrauchsmalaise formuliert die neue Rahmenordnung eine klare Absage an jede Spielart von Klerikalismus, warnt unmissverständlich gegen ein schädliches Ausnutzen priesterlicher Machtstellung und betont zum Verhältnis von gemeinsamem Priestertum aller Gläubigen und dem „hierarchischen Priestertum des Dienstes“: Beide bezeugen auf ihre Weise alltäglich in Wort und Tat die Gegenwart Jesu Christi. Das Dokument entfaltet nacheinander die menschliche, die geistliche, die intellektuelle und die pastoral-missionarische Dimension des Priestertums, ohne einseitige Bevorzugung einer dieser Dimensionen. So wird als künftige Norm ein Priester gezeichnet, der menschlich reif, spirituell glaubwürdig und intellektuell zum Dialog mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit fähig ist und auch der anspruchsvollen pastoralen Situation gewachsen ist, sozusagen ein priesterlicher „Allrounder“, der nicht zuletzt mit den Schwierigkeiten der zölibatären Lebensform überzeugend zu Recht kommt.
Das Dokument trifft auf eine Situation, in der die Zahl der Priesterweihen in den deutschen Diözesen wie auch in den Ordensgemeinschaften massiv gesunken ist. Auch in großen Diözesen sind pro Jahr nicht mehr als ein, zwei Weihen zu verzeichnen. Es sieht auch nicht danach aus, als würden sich die Priesterseminare in Deutschland in absehbarer Zeit wieder füllen. Daran dürfte auch eine noch so ausgefeilte Rahmenordnung allein wenig ändern. Zu erwarten sind dagegen schon unter dem Zwang der Verhältnisse strukturelle Veränderungen sowohl in Bezug auf die bisherigen diözesanen Priesterseminare wie auf Zahl und Zuschnitt der theologischen Ausbildungsstätten, nicht zuletzt der derzeit noch reichlich vertretenen Theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten. Das dürfte sich in jedem Fall auch auf Modalitäten und Orte der Priesterausbildung in Deutschland auswirken.
Wichtiger ist allerdings die Frage, wie die Rolle der nach den Vorgaben dieser neuen Rahmenordnung ausgebildeten Priester in der katholischen Kirche der Bundesrepublik überhaupt aussehen wird, beziehungsweise wie sie aussehen sollte. Wo sollen sie schwerpunktmäßig zum Einsatz kommen, welche Aufgabenfelder vor allem übernehmen? Und woher lassen sie sich überhaupt zahlreicher rekrutieren, wenn Diözesen und Ordensgemeinschaften nicht noch stärker auf Priester aus anderen Teilen der Weltkirche setzen wollen? Gehört die Zukunft eher priesterlichen Einzelkämpfern mit speziellen Aufgaben und entsprechenden Fähigkeiten, sei es auf den unterschiedlichen Feldern der Pastoral, oder in der Wissenschaft? Oder braucht es vor allem Teams, in denen Priester untereinander oder mit haupt- oder ehrenamtlichen Laienchristen zusammenarbeiten? Und was wird in Zukunft aus dem Pflichtzölibat der Priester? (Die Rahmenordnung spricht an einer Stelle vom in der Gesellschaft und auch in der Kirche zunehmenden „Unverständnis gegenüber der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen“.)
„Eine Kirche, die im Geist der Zeitgenossenschaft lebt, muss einen neuen, fruchtbaren Stil des Dialoges entwickeln.“ Nur bedingt werde sie dabei auf bisherige Verkündigungsmodelle zurückgreifen können. Diese Sätze aus dem Einleitungsteil der deutschen Rahmenordnung für die Priesterbildung verweisen auf den Kern des Problems, das weit über das Thema Priester und Priesterbildung hinausweist, sich gleichzeitig an ihm aber pars pro toto verdichtet. Die katholische Kirche in der Bundesrepublik muss sich nicht neu erfinden; sie soll auch nicht zu einer zweiten protestantischen Kirche werden, so viel sie auch in bestimmten Bereichen von dieser lernen kann. Aber sie müsste ihre noch vorhandenen spezifischen Ressourcen, einschließlich des Priesteramts, in konstruktiv-kritischem Umgang mit ihrer Tradition überlegter, phantasievoller und intelligenter einzusetzen versuchen, nicht so sehr um sich selbst als um des christlichen Glaubens willen und seiner heilsamen Wirkungen wegen. Das wäre den Schweiß aller Edlen wert!

Dr. Ulrich Ruh (1950) ist Honorarprofessor an der Universität Freiburg im Breisgau und war 1991 – 2014 Chefredakteur der „Herder Korrespondenz“. Er studierte Katholische Theologie und Germanistik in Freiburg und Tübingen und legte 1974 das Staatsexamen für das Höhere Lehramt ab. Danach war er bis 1979 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät Freiburg (Prof. Karl Lehmann) am Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie. 1979 wurde er in Freiburg mit einer Arbeit über Begriff und Problem der Säkularisierung zum Dr. theol. promoviert und trat im gleichen Jahr in die Redaktion der „Herder Korrespondenz” ein.