Zwischen Rosen- und Ährenkranz – Katholiken in der NVA

Weronika Vogel

Inwiefern befanden sich junge katholische Männer, die zwischen 1962 und 1989 zum Grundwehrdienst in der NVA einberufen wurden, „zwischen Rosen- und Ährenkranz“ – und was tat die Kirche, um ihnen diesen Spagat zu erleichtern? Es handelt sich bei dem Artikel um eine gekürzte Form des Fazits der Masterarbeit „Zwischen Rosen- und Ährenkranz. Katholiken in der NVA“, die 2025 von Weronika Vogel an der Universität Erfurt eingereicht wurde.

Die Worte „Katholiken in der NVA“ riefen bisher oft Assoziationen mit den Bausoldaten, waffenlosen Einheiten in der Nationalen Volksarmee der DDR und der einzigen gesetzlichen Möglichkeit, einen Wehrdienst mit der Waffe abzulehnen, hervor. Zu diesen liegt bereits viel Forschungsliteratur vor. Dabei handelte es sich zahlenmäßig um eine deutlich kleinere Gruppe. Der Großteil katholischer junger Männer, die zwischen 1962 und 1990 ihren Wehrdienst bei der NVA ableisteten, tat dies mit der Waffe in der Hand. Weshalb also wird dieses Thema in der bisherigen Forschung kaum behandelt? Anscheinend besteht weiterhin die allgemeine Überzeugung, Christen, Katholiken, würden einem Dienst mit der Waffe generell kritisch gegenüberstehen und sich nach Möglichkeit dagegen entscheiden, auch unter den Bedingungen eines Unrechtsregimes wie der DDR. Die Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache. Nur etwa 1 Prozent der katholischen Wehrpflichtigen im Grundwehrdienst entschied sich für den Dienst als Bausoldat.

Die für die Arbeit ausgewerteten kirchlichen Archivquellen und 32 Zeitzeugenberichte zeichnen ein sehr diverses, von vielen Faktoren geprägtes Bild einer Seelsorge, die nicht immer im Fokus der Kirche lag und doch teils überraschend umfangreich stattfand. Die initiale Reaktion der Kirchenleitung war geprägt von dem Bedürfnis, den Stand der Kirche in der DDR nicht zu gefährden.

Die Einführung der Wehrpflicht in der DDR wurde von der Berliner Bischofskonferenz (BBK) zwar als ernste Situation, nicht jedoch als Angriff auf die Kirche selbst wahrgenommen, der Wehrdienst und Fahneneid wurden abschließend nicht als problematisch bewertet. Die initiale Reaktion der Kirchenleitung war geprägt von dem Bestreben, den Stand der Kirche in der DDR nicht zu gefährden. Die Organisation einer übergreifenden Seelsorge an Wehrpflichtigen wurde auf überdiözesaner Ebene nicht für nötig erachtet. Mit dieser Thematik beschäftigten sich von Anfang an primär Jugendseelsorger. Zur Auflistung der eingezogenen Männer innerhalb eines kirchlichen Verwaltungsbezirks kann gesagt werden, dass eine solche nicht stattfand. Vereinzelt wurden bei den Einkehrtagen für Wehrpflichtige die zukünftigen Kasernenstandorte notiert, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. Eine gesamte Liste über alle katholischen Wehrpflichtigen und ihre jeweiligen Einsatzorte zu führen, hätte für die Kirche möglicherweise aber eine Gefahr bedeutet.

Eine nächste Form der Seelsorge war die Festlegung von Kontaktpersonen innerhalb der Heimatpfarrei oder Pfarrjugend. Aus den Quellen und besonders aus den, wenngleich nicht repräsentativen, Zeitzeugenberichten schließend variierte die Umsetzung dieser Festlegungen stark. Maßgebend dafür waren die Angebundenheit des Jugendlichen an die Heimatgemeinde bzw. Jugendgruppe, aber auch die Initiative der dortigen Pfarrer und Kapläne sowie letztendlich ihre Schreibbereitschaft – auf beiden Seiten. Briefkontakte konnten sich, je nach Standort, besonders an der Grenze als eine der wenigen Kontaktmöglichkeiten zur Außenwelt herausstellen, weshalb sie in ihrer Bedeutung für die seelsorgliche Betreuung nicht zu unterschätzen sind.

Der Erfolg gestaltete sich hier sehr unterschiedlich. Päckchen, Kirchenzeitungen oder christliche Literatur wurden sowohl von Einzelpersonen als auch, zumindest im Fall von Magdeburg, von Jugendseelsorgeämtern verschickt. Auch dies erreichte selbstverständlich nicht alle, genaue Zahlen werden hier kaum zu nennen sein.

Was die Vorbereitung der vor der Einberufung stehenden Männer auf den Wehrdienst in Form von Einkehrtagen betrifft, so fanden diese in allen sechs Jurisdiktionsbezirken, allerdings in teils unterschiedlicher Form und unterschiedlichem Umfang statt. Spätestens ab den 1970er Jahren existierten solche Kurse in jedem der Jurisdiktionsbezirke – den heutigen Ostbistümern – , am frühsten und regelmäßigsten fanden sie den Quellen zufolge in Magdeburg und Dresden-Meißen statt. Die Auslastung ist bis auf wenige Ausnahmen nicht überliefert, jedoch nahm, insgesamt betrachtet, nur ein Bruchteil katholischer junger Männer vor ihrem Wehrdienst daran teil, die meisten von ihnen sicherlich in den 1980er Jahren. Nicht alle erfuhren von den Kursen, die üblicherweise in den Jugendhäusern der Jurisdiktionsbezirke stattfanden. Die Kurspläne wurden i.d.R. an Pfarreien versandt, jedoch erreichte das nicht alle interessierten Jugendlichen. Erwähnenswert sind Vorträge und Themenabende als Vorbereitung auf den Wehrdienst, die in unterschiedlicher Form auf Dekanats- und Pfarreiebene oft von Jugendseelsorgern und Kaplänen organisiert stattfanden.

Von diesen nicht formalisierten Modi sind viele nicht schriftlich überliefert, sie trugen jedoch ebenso zur Seelsorge an Wehrpflichtigen bei. Ein weiterer Schritt in der Vorbereitung beinhaltete die Existenz von bzw. die Versorgung mit Informations- und Gebetsmaterial der vor der Einberufung stehenden bzw. Wehrdienst ableistenden Männer. Was die Existenz betrifft, so lagen bereits in den 1960er Jahren einige sehr gute Handreichungen zur Seelsorge an Wehrpflichtigen vor. Allerdings gelangten diese lediglich in die Hände der Jugendseelsorger und ggf. Pfarrer, seltener Kapläne, die davon ausgehend Informationen an die Jugendlichen vermitteln sollten. Dies geschah jedoch nicht auf fortlaufender und umfassender Basis, sodass viele relevanten Informationen nicht an die Betroffenen selbst gelangten. Bis zum Ende der 1980er Jahre wurden mehrere dieser Handreichungen verfasst und aktualisiert.

Die seelsorgliche Betreuung während des Wehrdienstes gestaltete sich nach Auswertung der Quellen und Zeitzeugenberichte ebenfalls in Abhängigkeit von mehreren Faktoren sehr unterschiedlich. Die Begleitung vor Ort durch den Pfarrer bzw. Kaplan in der Form von Gottesdienst- und Sakramentangeboten, Gesprächsmöglichkeiten und kulturellen Angeboten hing in starkem Maß vom Interesse und den Verfügbarkeiten des Seelsorgers selbst ab, jedoch auch von der Initiative des einzelnen Soldaten. Zu bedenken ist hier, dass die Soldaten unregelmäßige, teils sehr ungünstige Ausgangszeiten hatten, die von dem Seelsorger erforderten, sich an diese anzupassen und ggf. weitere Angebote spezifisch für diesen Zweck zu kreieren. Vielen war der damit verbundene Aufwand, auch einhergehend mit einer hohen personellen Fluktuation der Soldaten, zu groß. Für die Einbindung in die Pfarrei vor Ort am Kasernenstandort fehlte es häufig an Regelmäßigkeit: Die wenigen Ausgangsmöglichkeiten wurden genutzt, aber wenn gerade zu diesen Zeiten keine Veranstaltungen in der Gemeinde stattfanden oder die Wege, um die katholische Kirche zu erreichen, sehr weit bzw. in der vorhandenen Zeit nicht schaffbar waren, entstand kein tiefergehender Kontakt.

Auch reagierten besonders in den 1960er und 1970er Jahren, aber auch noch in den 1980er Jahren Gemeindemitglieder teils misstrauisch und negativ auf uniformierte Soldaten im Gottesdienst, die keine Zivilkleidung besaßen, die sie hätten tragen können.

Je nach Standort setzten sich sehr engagierte Seelsorger intensiv für Soldaten ein und boten ihnen neben einem offenen Pfarrhaus, zeitlich günstig gelegenem Sakramentenempfang, Zivilkleidung, Gesprächsmöglichkeiten und Ausflügen die Teilnahme an Gemeindeveranstaltungen an und fuhren sie rechtzeitig in die Kasernen zurück. Manche Wehrpflichtigen wurden Teil der lokalen Jugendgruppen, teilweise besuchten die Seelsorger sie sogar im Besuchsraum der Kaserne. Jedoch hing all das von den jeweiligen Gegebenheiten ab, manche Standorte lagen so weit entfernt von der nächsten katholischen Kirche, dass eine Seelsorge vor Ort kaum möglich schien. Sicherlich ließen sich nicht alle Priester darauf ein, alles stehen und liegen zu lassen, sobald ein Soldat an ihre Tür klopfte, der aber nur beschränkte Ausgangszeiten hatte. Auch trauten sich manche Wehrpflichtige, die mitunter erst 18 oder 19 Jahre alt waren, nicht, das fremde Pfarrhaus aufzusuchen.

Ein letzter zu untersuchender Punkt bestand in der Nachbereitung in Form von Besinnungstagen, bei welchen ehemalige Wehrpflichtige die Zeit ihres Wehrdienstes reflektieren und bei Bedarf Gesprächsmöglichkeiten wahrnehmen konnten. Dies fand bis auf einige wenige Erwähnungen aus dem Jurisdiktionsbezirk Dresden-Meißen vom Ende der 1960er Jahre in keinem der Jurisdiktionsbezirke explizit statt.

Ein großer Teil des kirchlichen Engagements in der DDR fand in nicht formalisierten Strukturen statt, so kann beispielsweise keine Aussage darüber getätigt werden, zu welcher Häufigkeit Betreuung innerhalb von Gemeinden oder durch den Austausch mit einzelnen Seelsorgern stattfand. Belege dafür, sofern überhaupt (noch) existent, befinden sich oftmals in Privatbesitz. Einige Belege für kirchliche Intervention in schwierigen Situationen für Wehrpflichtige sind erhalten, jedoch besteht auch hier die Vermutung, dass nicht jeder Fall verschriftlicht bzw. aufgehoben wurde.

Letztendlich gestaltete sich die Seelsorge der katholischen Kirche an Wehrpflichtigen je nach Zeit, Ort und betroffenen Personen unterschiedlich. Von übergreifenden, überdiözesanen Konzepten kann zu keinem Zeitpunkt gesprochen werden. Als Hauptgründe für die Nichtexistenz von solchen Konzepten und Organisationsstrukturen müssen die Angst der Kirche vor der Staatssicherheit und der Wunsch nach Nichtgefährdung des Standes der gesamten Kirche in der DDR genannt werden. Dies resultierte in fehlenden Zuständigkeiten und Richtlinien, was die Seelsorge an Wehrpflichtigen betraf, was wiederum die Umsetzung der Seelsorge massiv erschwerte.

Jeder Jurisdiktionsbezirk, teilweise sogar jedes Dekanat, stellte aufgrund fehlender klarer Anweisungen der BBK eigene Überlegungen zum Thema des Wehrdienstes an und entwarf verschiedene Konzepte, die wiederum aufgrund fehlender Möglichkeiten nicht immer umgesetzt wurden. Zwar fand auf der Ebene der Diözesanjugendseelsorger gelegentlich ein Austausch dazu statt, jedoch wurden über die Jahre hinweg dennoch zahlreiche Parallelstrukturen etabliert, die, wären sie miteinander verknüpft worden, für Synergien gesorgt und zu einer verbesserten Seelsorge an Wehrpflichtigen beigetragen hätten. Das betraf insbesondere die Vorbereitung auf den Wehrdienst. Die Begleitung während der Armeezeit erfolgte, wenn überhaupt, angebunden an die Gemeinde vor Ort, worauf sich die höheren Ebenen – Dekanate, Jurisdiktionsbezirke, nicht zuletzt die Bischöfe – verließen und diese Verantwortlichkeit ohne klare Anweisung an die Pfarrer und Kapläne vor Ort delegierten, die sich nicht immer in der Zuständigkeit für die Soldaten in den Kasernen an ihrem Standort sahen. Diese fehlenden Strukturen wurden den einzelnen Wehrpflichtigen zur Last. Sicherlich existierten sehr unterschiedliche Menschentypen und Bedürfnisse unter den Soldaten, nicht alle werden eine umfassende Seelsorge während des Wehrdienstes erwartet, benötigt oder erfragt haben, doch für viele war der Standpunkt der Kirche in diesen Fragen schwer zu ertragen, sie wünschten sich klare Positionierungen der Bischöfe zur Friedensthematik und eine echte seelsorgliche Begleitung in ihrer Armeezeit, die nicht immer in der Form realisiert wurde. Einzelne sehr engagierte Seelsorger in diesem Bereich sind ohne Frage besonders hervorzuheben, jedoch handelte es sich bei ihnen zu keinem Zeitpunkt um ein kirchenweites Massenphänomen.

Die Bemühungen der katholischen Kirche in der DDR, eine Seelsorge an Wehrpflichtigen der NVA aufzubauen und zu gewährleisten, geschahen allermeist in dem von den Bedingungen des Staates, aber auch der Position der BBK gesetzten Rahmen, der vieles nicht möglich machte. Unter diesem Gesichtspunkt muss anerkannt werden, wie viele Formen dennoch von der Kirche umgesetzt wurden und mit welchem Engagement einzelne Seelsorger für die Belange von Wehrpflichtigen eintraten. Eine Schaffung von Synergien und klaren Zuständigkeiten, wie es 1988/89 schließlich auch geschah, hätte jedoch vielen jungen katholischen Männern noch mehr helfen können, die nicht selten selbst herausfinden mussten, wie sie den Spagat zwischen Rosen- und Ährenkranz bewältigen würden.


Weronika Vogel

Weronika Vogel studierte in Erfurt Katholische Theologie, Mathematik und Wirtschaft und interessierte sich dabei besonders für die Kirchengeschichte der DDR. In diesem Bereich hat sie bereits mehrere Werke veröffentlicht und promoviert aktuell zu einem weiteren DDR-Thema in Erfurt.

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