Worte zum Osterfest
Bischof Dr. Franz Jung, Würzburg
„Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein.“ (Eph 5,14) Ein eindrücklicher Weckruf, der in den Ohren gellt. Er stammt vom Apostel Paulus und ist gerichtet an die Gemeinde in Ephesus. Aufwachen sollen sie endlich. Denn sie sind müde geworden. Dabei kennt die Müdigkeit viele Formen. Müde im Sinne von gleichgültig, weil man die schlechten Nachrichten nicht mehr hören will und mit der Zeit total abstumpft. Müde als innere Trägheit, weil man sich seit Jahren an einem persönlichen oder beruflichen Problem abarbeitet und einfach keinen Schritt weiterkommt. Müde durch seelische Erschöpfung, weil man nicht mehr daran glauben kann, dass mein Leben und diese Welt irgendwie besser werden könnten. Müde der endlosen Diskussionen um kirchenpolitische Fragen mit dem Gefühl, die innere Freude an Glauben und Kirche über die Jahre verloren zu haben. Anschaulich wird diese Müdigkeit für mich versinnbildet in den Jüngern im Garten Gethsemane. Sie wollen nur noch schlafen, wollen einfach nur noch abschalten, um der bedrängenden Wirklichkeit zu entgehen. Wer kennt sie nicht, diese Müdigkeit? Sie lastet mit bleierner Schwere auf der Seele, schneidet ab vom Leben. Lebensmüde. Kein Wunder, dass der Apostel Paulus den Schlaf mit dem Tod in Verbindung bringt. Denn als des Todes Bruder betäubt der Schlaf und wirft uns in die Dunkelheit zurück.
An Ostern aber erschallt der Weckruf des Apostels Paulus. Weil Christus für uns gestorben ist, hat er die Macht des Todes gebrochen. Weil er von Gott auferweckt wurde, will er auch uns aufwecken aus dem todesähnlichen Schlaf. Weil sein Licht die Finsternis erhellt und wie am ersten Schöpfungstag das Licht von der Finsternis scheidet, sollen auch wir Licht sein, eine Neuschöpfung in Christus. Schönster Ausdruck dafür ist das Licht der Osterkerze, an dem alle in der Osternacht ihre eigene Kerze entzünden. Denn Sein Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst, wie es das Johannes-Evangelium so tröstlich sagt.
In der berühmten Predigt zum Karsamstag des Epiphanios von Konstantinopel heißt es über Christus, der hinabsteigt in das Reich des Todes, um die Toten zu befreien: Er geht auf die Suche nach dem erstgeschaffenen Menschen wie nach dem verlorenen Schaf. Besuchen will er, die völlig in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes. Er kommt, um den gefangenen Adam und die mitgefangene Eva von ihren Schmerzen zu erlösen, er, zugleich Gott und Evas Sohn. Er fasst Adam bei der Hand, hebt ihn auf und spricht: „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein! Ich habe dich nicht geschaffen, damit du im Gefängnis der Unterwelt festgehalten wirst. Steh auf von den Toten! Ich bin das Leben der Toten. Steh auf, mein Geschöpf, steh auf, meine Gestalt, nach meinem Abbild geschaffen! Erhebe dich, lass uns weggehen von hier! Du bist in mir und ich in dir, wir sind eine unteilbare Person.“
Die Osterikone der Ostkirche zeigt uns eindrücklich, wie der auferstandene Christus die Pforten der Unterwelt zertritt und Adam und Eva aus der Hölle herausreißt. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass an Ostern dieser Weckruf auch in Ihr Leben hineingesprochen wird. Ich wünsche Ihnen Menschen, die Sie mitreißen und nicht zurücklassen in der Nacht Ihrer persönlichen Unterwelt. Ich wünsche uns als Kirche, dass wir so Gottesdienste feiern, dass Menschen ermutigt werden, aufzustehen und ihr Leben und die Welt im Lichte Christi zu sehen. Ich wünsche uns als Kirche selbst die Kraft und den Mut, aufzustehen, um diesen Weckruf in die Welt hineinzutragen. Denn dazu hat uns Christus gesandt.
Der diesjährige Katholikentag in Würzburg steht unter dem Motto „Hab Mut, steh auf!“ Ein ganz und gar österliches Motto. Stehen wir also auf mit dem auferstandenen Christus. Tragen wir sein Osterlicht in diese Welt. Denn als Kinder des Lichts sind wir gesandt, die Finsternis zu vertreiben.
Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest!
Bischof Dr. Franz Jung (1966), stammt aus dem Bistum Speyer. Nach Studien in München und Rom promovierte er im Fach Neues Testament. Er wirkte in Speyer zuletzt als Generalvikar. 2018 wurde Jung zum 89. Bischof von Würzburg ernannt.