Dr. Ulrich Ruh
Eine der letzten Amtshandlungen des Limburger Bischofs Georg Bätzing als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war die Unterzeichnung eines Appells an die Christinnen und Christen in Europa, zusammen mit den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Frankreichs, Italiens und Polens. Der am 13. Februar 2026 veröffentlichte Text erinnert an die Gründerväter des vereinigten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schuman, und mahnt, Europa müsse angesichts der gegenwärtigen Krisen in der Welt „seine Seele wiederfinden“. Die Welt brauche Europa: „Das ist die Dringlichkeit, die die Christen verinnerlichen müssen, um sich dort, wo sie stehen, entschlossen für seine Zukunft einsetzen zu können, mit demselben klaren Bewusstsein, das die Gründerväter hatten.“
Als spezifisch christliche Aufgabe ist das Engagement für Europa heute mehr Desiderat als Wirklichkeit, daran ändert auch die an sich lobenswerte Rückbesinnung auf prägende Gestalten der Nachkriegszeit zunächst einmal nicht viel. Die europäische Christenheit gibt es nicht als einheitliche Größe, sondern trotz aller ökumenischen Bemühungen der letzten Jahrzehnte nach wie vor als Kaleidoskop von vielen Kirchen und Gemeinschaften, von den verschiedenen katholischen Ortskirchen über die orthodoxen Nationalkirchen und das große Spektrum der reformatorischen Kirchen bis zu Anglikanern und Altkatholiken. Auch die katholische Kirche, Europas ist in sich vielgestaltiger, als man angesichts der einheitlichen Struktur mit Papst und Bischöfen annehmen könnte. Man braucht dazu nur auf die Kirche in Deutschland mit ihren katholischen Nachbarkirchen in Polen einerseits und Frankreich mit seinem offiziellen Laizismus andererseits zu schauen. Insofern ist es erfreulich und keinesfalls selbstverständlich, dass die drei Vorsitzenden der Bischofskonferenzen an Seine, Rhein und Weichsel gemeinsam den jetzt veröffentlichten europäischen Appell unterschrieben haben!
Gravierendster Störfaktor für ein gemeinsames christliches Zeugnis in Europa ist derzeit zweifellos die offizielle Position der Russischen Orthodoxen Kirche. Diese zahlenmäßig größte unter den orthodoxen Kirchen liefert seit Jahren religiös-ideologische Unterstützung für die russische Politik unter Wladimir Putin, nicht zuletzt für seinen verheerenden Angriffskrieg gegen die Ukraine mit ihrer mehrheitlich ebenfalls orthodoxen Bevölkerung. Die russische Kirche geriert sich als patriotische Verteidigerin des wahren Christentums gegen angeblich westlicher Sittenlosigkeit und Liberalismus verfallene Kirchen anderswo auf dem Kontinent und stößt damit auf eine gewisse positive Resonanz auf dem rechten politischen Flügel in demokratischen Staaten Europas. Man denke nur an einschlägige kirchenkritische Aussagen in Positionspapieren der Partei „Alternative für Deutschland“ im Blick auf die im Herbst anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
In früheren Jahrzehnten waren in vielen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, etwa in Italien oder in den Beneluxstaaten, christdemokratische Parteien prägende Teile des politischen Spektrums. Inzwischen ist die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Christlich-Demokratischen und Christlich-Sozialen Union als gewichtigen Parteien auf Bundes- wie auf Landesebene in dieser Hinsicht eher die Ausnahme als die Regel. Aber gleichzeitig ist vom lange Zeit bestehenden, wenn auch nie konfliktfreien Schulterschluss vor allem zwischen katholischer Kirche und christdemokratischen Parteien auch hierzulande nicht mehr viel geblieben. Auch der organisierte Laienkatholizismus als traditioneller Transmissionsriemen zwischen Kirche und Politik spielt höchstens noch eine Nebenrolle.
Es gibt zwar auf europäischer Ebene seit einiger Zeit formelle Gesprächskontakte zwischen den Institutionen der Europäischen Union und den Kirchen und auch darüber hinaus Einrichtungen, die kirchliche Lobbyarbeit in Brüssel zur Aufgabe haben. Die diversen kirchlichen Dachorganisationen, man denke an den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) oder die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) kümmern sich um den europäischen Austausch innerhalb der jeweiligen Konfessionen beziehungsweise Konfessionsfamilien, blühen aber insgesamt eher im Verborgenen. In Bezug auf die europäische Zusammenarbeit der christlichen Kirchen und Gemeinschaften ist noch viel Luft nach oben – das hat natürlich nicht zuletzt damit zu tun, dass den meisten von ihnen interne und auf die jeweilige Organisation bezogene Probleme auf den Nägeln brennen.
Dennoch wäre es ein schweres Versäumnis für die Christen und ihre Kirchen, die Dimension Europa weiterhin zu vernachlässigen. Das beginnt im Kleinen: Gemeinden und Verbände, gerade in Grenzregionen, sollten die Möglichkeiten zum Kontakt mit Kirchen der jeweiligen Nachbarländer nützen und Partnerschaften pflegen, sei es innerhalb der eigenen Konfession, sei es über Konfessionen hinweg. Dabei kann man im direkten Gespräch und bei Begegnungen interessante Entdeckungen machen. Es braucht auch den verstärkten Austausch innerhalb der Theologie, wie ihn etwa die „Europäische Gesellschaft für Katholische Theologie“ schon seit einiger Zeit versucht, und auch neue Impulse für eine europäische Ökumene, die den Kirchen eine verstärkte Zusammenarbeit zum Wohl ihres Kontinents ermöglicht.
Volker Perthes formuliert in seinem neuen Buch „Die Multipolarisierung der Welt“ (Berlin 2026), Europa verfüge über „erhebliche Anziehungs- und Ausstrahlungskraft“. Darauf kann Europa nicht nur als politische Größe trotz aller Schwierigkeiten im Zusammenleben und Zusammenwachsen stolz sein, sondern gerade auch gerade Christen und Kirchen. Sie sollten ihren Beitrag zur Grundlegung und Verteidigung eines offenen, toleranten und freiheitlichen Europas nicht unter den Teppich kehren, sondern mit aller Bereitschaft zur Selbstkritik mit diesen Pfunden wuchern. In dem Appell der vier Konferenzvorsitzenden heißt es: „Zwar sind die Christen weniger zahlreich, doch das hindert sie nicht daran, sich mit Mut und Ausdauer auf das zu besinnen, was ihre Hoffnung begründet.“

Dr. Ulrich Ruh (1950) ist Honorarprofessor an der Universität Freiburg im Breisgau und war 1991 – 2014 Chefredakteur der „Herder Korrespondenz“. Er studierte Katholische Theologie und Germanistik in Freiburg und Tübingen und legte 1974 das Staatsexamen für das Höhere Lehramt ab. Danach war er bis 1979 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät Freiburg (Prof. Karl Lehmann) am Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie. 1979 wurde er in Freiburg mit einer Arbeit über Begriff und Problem der Säkularisierung zum Dr. theol. promoviert und trat im gleichen Jahr in die Redaktion der „Herder Korrespondenz” ein.