ÖKUMENE JETZT – WER WIR SIND UND WAS WIR WOLLEN

Norbert Lammert erläutert den Hintergrund der Initiative ÖKUMENE JETZT und die Motive der Erstunterzeichner.

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

Norbert Lammert

Ökumene jetzt
Wer wir sind und was wir wollen 

Im Oktober dieses Jahres erinnern wir an den 50. Jahrestag der Eröffnung des zweiten vatikanischen Konzils. Dabei befinden wir uns längst in der oft genannten „Luther-Dekade“, in der wir den 500. Jahrestag der Reformation und die Bedeutung dieses Ereignisses für unser Land würdigen wollen. Zwei herausragende Ereignisse der Kirchengeschichte, mit nachhaltigen Folgen für Deutschland und weit darüber hinaus. Nicht nur für engagierte Christen sind dies hinreichende Anlässe, um sich mit der Frage zu beschäftigen, warum es überhaupt zur Trennung der Kirchen gekommen ist und ob es heute noch überzeugende, gar zwingende Gründe für die Aufrechterhaltung dieser Trennung gibt. 

Diese Fragen verbinden die Initiatoren des Aufrufes mit dem Titel „Ökumene jetzt: ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“, der Anfang September 2012 in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Als engagierte Christen beider Konfessionen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Sport und anderen gesellschaftlichen Bereichen sehen wir uns – trotz unterschiedlicher Berufe, Temperamente und Interessen – in der Pflicht, gemeinsam an der Debatte über die Zukunft unserer Kirche zu beteiligen. Viele engagierte Katholiken wie Protestanten registrieren mit Ernüchterung und Enttäuschung den als unzureichend empfundenen Fortschritt in der Ökumene. Wir glauben, dass die Zeit längst gekommen ist, für eine Veränderung zu sorgen. Ein Prozess, der im Übrigen vor Ort an der Basis viel stärker vorangetrieben wird, als die Kirchen ihn amtlich zur Kenntnis nehmen. 

Wir wollen nicht, dass nach den bevorstehenden Jubiläumsfeiern mit grandiosen Ausstellungen, hoch interessanten Symposien und vielen neuen Publikationen alles so bleibt, wie es vorher war. Dies ist das Anliegen unserer Initiative, die kein Verein und keine Organisation ist, sondern ein Zusammenschluss überzeugter Christen, die jeweils als Privatpersonen ihre Wahrnehmungen, ihre Erwartungen und ihre Hoffnungen auf diesem gemeinsamen Wege zum Ausdruck bringen wollen. Mit unserem Aufruf von dreiundzwanzig Erstunterzeichnern, katholischen wie auch evangelischen Gläubigen, wollen wir daran erinnern, dass „die Unterschiede“, die es zweifellos gibt, „die Aufrechterhaltung der Trennung nicht rechtfertigen“. 

Dass dies nicht nur möglich ist, sondern größtenteils der gelebten Realität entspricht, konnte in anschaulicher Weise die Vorstellung unserer Initiative im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz Anfang September zeigen. Thomas de Maizière, der derzeitige Bundesminister der Verteidigung, machte darauf aufmerksam, dass „je weiter unten, desto mehr das Gemeinsame, umso weiter oben, je mehr das Trennende betont wird.“ Daran knüpfte auch Eckhard Nagel an, der bei der Vorstellung der Initiative wiederholt daran erinnerte, dass beim zweiten Ökumenischen Kirchentag, an dem er als Evangelischer Präsident teilgenommen habe, beide Kirchenleitungen Fortschritte in einer Reihe von praktischen pastoralen Fragen zugesagt und in Aussicht gestellt haben, auf deren Umsetzung indes immer noch gewartet werde. Für Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident, ist der Aufruf als „Ausdruck unserer Ungeduld mit dem Zustand der ökumenischen Bemühungen“ zu verstehen. 

Besonders beeindruckend war die Bemerkung von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, dem früheren Präsidenten des Evangelischen Kirchentags, der als Erstunterzeichner des Aufrufes die Initiative als „einen neuen Sonnenaufgang“ bezeichnete. „Was aufhören muss, ist das dogmatische Schwert“, betonte bei dieser Gelegenheit Antje Vollmer, die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin. Auch wenn die Kirchen sich in den äußeren Formen wie auch im Verständnis mancher theologischer Inhalte voneinander unterscheiden, dürfe dies die Christen nicht länger daran hindern, gemeinsam die Kommunion oder das Abendmahl zu empfangen. Hans Maier, der langjährige Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, bemerkte in diesem Zusammenhang, dass es ihm „wichtig wäre, dass die Evangelischen ihre Katholizität entdecken und die Katholiken ihr evangelisches Potenzial“. 

Unser Appell richtet sich daher an beide Konfessionen, insbesondere aber an all diejenigen, denen die Zugehörigkeit zu ihrer Kirche und die Verbindung mit dem christlichen Glauben nicht nur ein zufälliges Merkmal, sondern ein persönliches Anliegen ist. Und er richtet sich sowohl an die Kirchenleitungen als auch an die Gemeinden, um die Ökumene gemeinsam weiter voranzutreiben. Insofern ist der Aufruf als eine Einladung zu verstehen, sich nicht nur an einer Initiative, sondern in erster Linie auch an einer Auseinandersetzung zu beteiligen, die wir für überfällig und notwendig halten. 

Deshalb bieten wir die Möglichkeit an, durch die eigene Unterschrift über die Webseite der Initiative den Aufruf persönlich zu unterstützen (www.oekumene-jetzt.de). Parallel dazu steht auch im Internet ein öffentliches Diskussionsforum zur Verfügung (www.kreuz-und-quer.de), in dem wir Stellungnahmen, Kritik und selbstverständlich auch Einwände, Hinweise, Erfahrungen wie auch konkrete Beispiele für gelebte Ökumene sammeln und vermitteln wollen, um auf diese Weise einen Anschub für weitere Veränderungen zu leisten. 

Die vielen Reaktionen, mehr als sechstausend Unterschriften innerhalb einer Woche, darunter auch bereits zahlreiche Unterstützer, die sich über die verschiedenen Medien zu Wort gemeldet haben, sind ein deutliches Indiz dafür, dass der gemeinsame Aufruf, den wir als eine Einladung zu einem Dialog über die heutige Lage der Kirchen verstehen, genau die breite Debatte innerhalb und außerhalb der Kirchen eröffnet hat, die wir gewünscht und auch erbeten haben. 

„Ökumene jetzt: ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“: Die Auseinandersetzung über die damit verbundenen Fragen und möglichen Antworten ist zweifellos erlaubt und auch überfällig. Und wenn wir uns mit dieser Frage nicht auseinandersetzen, in einem Jahr, in dem wir an 50 Jahre zweites vatikanischen Konzils zurückdenken und in einer Zeit, in der wir uns mitten in der „Luther-Dekade“ auf dem sicheren Weg in ein 500-jähriges „Jubiläum“ der Kirchenspaltung befinden, bleibt zu fragen, wann eigentlich sonst, wenn nicht jetzt. Und wer soll sich eigentlich sonst damit befassen, wenn nicht wir, die sich mit unseren jeweiligen Kirchen verbunden fühlen. 

Norbert Lammert gehört seit 1980  dem Deutschen Bundestag an und ist seit 2005 dessen Präsident. Von 1989 – 1998 war er Parlamentarischer Staatsekretär in den Bundesministerien für Bildung und Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr und danach bis 2002 kultur- und medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. 2002 wurde er Vizepräsident des Deutschen Bundestages, seit 2001 ist er stv. Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.

28 Antworten zu “ÖKUMENE JETZT – WER WIR SIND UND WAS WIR WOLLEN

  1. Als evangelischer Christ, der in den Lebensvollzügen der katholischen Diaspora zu Hause ist und fließend Katholisch spricht, sollte ich mich schnurstracks in die illustre Liste der Unterzeichner einreihen, so könnte man meinen. Doch gerade als leidenschaftlicher Ökumeniker habe ich Vorbehalte, und zwar erhebliche. Die Intergität und den guten Willen der Prominenz, die diesen Appell unterzeichnet hat, außer Zweifel, – gut durchdacht ist das Schreiben nicht!
    Das Anliegen des Schreibens ist Folgendes:“ Weil uns Gott in der Taufe Gemeinschaft mit Jesus Christus geschenkt hat, sind Getaufte als Geschwister miteinander verbunden. Sie bilden als Volk Gottes und Leib Christi die eine Kirche, die wir in unserem Credo bekennen. Deshalb ist es geboten, diese geistliche Einheit auch sichtbar Gestalt gewinnen zu lassen.“ Die “sichtbare Gestalt” ist die Daseinsform von Kirche in ihrer Organisation (Bistümer, Landeskirchen und Ortsgemeinden), in ihren Ämtern, in Gottesdiensten und Sakramenten.

    Die Autoren haben Recht, wenn sie betonen, dass Luther keine Kirchenspaltung im Sinn hatte, sondern die katholische Kirche von innen reformieren wollte. Dann versuchten die Autoren jedoch, die Confessio Augustana als Zeugen für ihr Ziel zu in Anspruch zu nehmen:“ Auch die lutherische Bekenntnisschrift Confessio Augustana betont die Notwendigkeit der Einheit der Kirche: „Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“ (Confessio Augustana 7)“
    Dabei übersehen sie, dass dieser Passus gerade nicht von einer organisatorischen Einheit redet, sondern dass es genügt, Eintracht im Evangelium zu halten und die Sakramente schriftgemäß zu feiern. Nach dieser evangelischen Bekenntnisschrift ist es also möglich, die Christenheit auch jenseits einer konkreten Organisationsform als Kirche Jesu Christi bzw. als mystischen Leib Christi zu begreifen. Freilich nur, wenn zwischen den Konfessionen ungeachtet unterschiedlicher Traditionen und formaler Strukturen Frieden herrscht. Das evangelische Ideal ist also eine Ökumene der versöhnten Verschiedenheit.

    Anders sieht es die römisch-katholische Kirche. Der Aufruf zitiert aus den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet, und doch erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen; sie alle bekennen sich als Jünger des Herrn, aber sie weichen in ihrem Denken voneinander ab und gehen verschiedene Wege, als ob Christus selber geteilt wäre (1. Kor 1,13). Eine solche Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen.“ (Vatikanum II, Unitatis Redintegratio Nr. 1)“

    Im ersten Satz wird hier ein Gegensatz deutlich, den die Verfasser des Appells zu übersehen scheinen: Die katholische Kirche sieht im Unterschied zu den Anhängern der Reformation in der Berufung der Apostel durch Jesus die Kirche in ihrer konkreten Form grundgelegt, wobei sie sich selbst als eigentliche Reinform dieser Kirche betrachtet (Bischöfe als Nachfolger der Apostel, Papst als Nachfolger des Petrus). Folglich empfinden Katholiken die Vielfalt der Konfessionen viel schmerzlicher als Spaltung als die Protestanten. Dieser katholischen Sichtweise schließen sich die Unterzeichner des Schreibens an:“Wir können und müssen die Sorge um die Einheit der ganzen Kirche nicht ruhen lassen, bis eine theologische Einigung über das Amts- oder Abendmahlsverständnis zwischen den Kirchenleitungen erreicht worden ist. Und wir dürfen uns auch nicht mit dem Ziel zufrieden geben, dass Kirchen sich gegenseitig als Kirchen anerkennen. Selbst wenn wir davon gegenwärtig noch entfernt sind: Dieses Ziel ist notwendig, aber zu klein! Wir wollen nicht Versöhnung bei Fortbestehen der Trennung, sondern gelebte Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt.““

    Dann versuchen die Verfasser einen abenteuerlichen Drahtseilakt, und zwar einen ohne Seil!“Offensichtlich ist, dass katholische und evangelische Christen viel mehr verbindet als unterscheidet.Unbestritten ist, dass es unterschiedliche Positionen im Verständnis von Abendmahl, Amt und Kirchen gibt. Entscheidend ist jedoch, dass diese Unterschiede die Aufrechterhaltung der Trennung nicht rechtfertigen.“

    Das uns Christen mehr eint als trennt, ist unbestritten. Und doch gibt es Trennendes, und das sind nun mal das unterschiedliche Verständnis von dem was “Kirche” ist (s. o.), daraus folgend das Amtsverständnis, daran wiederum hängend die Sakramentenlehre. Genau dieses ist die eigentliche Kluft zwischen Katholiken und Protestanten. Sie ist ausschließlich theologischer Natur. Aber mit unmittelbaren Folgen für die sichtbaren Strukturen und die Gottesdienste.

    Verblüffend ist jedoch der letzte Punkt des Zitates: Die Kluft, die uns trennt, ist kein Grund für die Kluft zwischen uns!
    Was soll das bedeuten? Haben die Initiatoren die Tragweite der dogmatischen Dissenzen nicht erkannt? Halten sie die Schlucht für einen schmalen Riss, den man ohne Gefahr des Absturzes überspringen könnte? Können sie die Verbindung zwischen unterschiedlichem Kirchenverständnis und unterschiedlicher Kirchenstruktur nicht erkennen? Mir scheint es so.

    Richtig wird beobachtet, dass auf örtlicher Ebene oft ein Grad des Miteinanders erreicht ist, der den kirchenamtlichen Entscheidungen weit voraus ist. So richtet sich der erste Teil des eigentlichen Appells an die Kirchenleitungen, bleibt dabei aber seltsam diffus:“Wir appellieren an die Kirchenleitungen, die tatsächlichen Entwicklungen in den Gemeinden vor Ort so zu begleiten, dass die Ökumene nicht in ein Niemandsland zwischen den Konfessionen abwandert, sondern die Trennung unserer Kirchen überwindet.“

    Sonderbar, besonders im letzten Teil, der Aufruf an die Ortsgemeinden:“An die Gemeinden appellieren wir, die Ökumene weiter voran zu treiben, kirchliches Leben miteinander zu gestalten, Räume gemeinsam zu nutzen und die organisatorische Einheit anzustreben.“Die Gemeinden sollen die organisatorische Einheit auf lokaler Ebene schweißen, während Rom immer noch vergeblich den für Beitrittsverhandlungen autorisierten protestanischen Weltoberbestimmer sucht? Sollen sich katholische und evangelische Pfarreien zusammenschließen? Sollen Dekanate und Kirchenkreise miteinander verschmelzen? Irgendwie nicht durchdacht.

    Sicher gut gemeint, aber nicht unproblematisch, auch der Schlussatz des Schreibens:“Als Christen im Land der Reformation stehen wir in der besonderen Verantwortung, Zeichen zu setzen und dazu beizutragen, den gemeinsamen Glauben auch in einer gemeinsamen Kirche zu leben.“ Zwar mögen in Deutschland Zeichen der Ökumene gesetzt werden, aber Alleingänge in Sachen Vereinigung gehen nicht. Die Reformation hat in Deutschland ihren Anfang genommen, aber das Schisma kann hier trotzdem nicht einfach rückgängig gemacht werden.

    Insgesamt hat der Aufruf folgende Mängel:
    Die einseitige Fokussierung auf die institutionelle Kirchentrennung. Das nebeneinander von evangelische Landeskirchen und katholischen Diözesen, Dekanaten und Kirchenkreisen, Gemeinden und Pfarreien, Caritasverband und Diakonischem Werk stellt per se kein unmittelbares Problem dar, selbst wenn große Synergieeffekte bei einer Zusammenlegung der Organisationen zu erwarten sind. Besonders wird geleugnet, dass an irgendeiner Form von Rückkehrökumene, auf die das Ansinnen letztlich hinausläuft, auf evangelischer Seite kaum Interesse besteht.
    Die Überbetonung der politischen Konsequenzen aus den Wirrsalen der Reformationszeit (Augsburger Religionsfriede mit konfessioneller Gliederung nach Territorien). Diese sind heute ohne Belang.
    Die Vernachlässigung tatsächlicher theologischer Differenzen und ihrer unmittelbaren Konsequenzen für die Ökumene. Dazu gehören neben den schon genannten Punkten zwingend das “Papsttrauma” der Protestanten sowie die schwierigen Passagen der Schrift Dominus Iesus, mit der die Glaubenskogregation die evangelischen Geschwister irritiert hat.
    Daraus folgend: Das Verschweigen der tatsächlichen Probleme im Alltagsleben der Gläubigen, wie z. B. die Nicht-Zulassung evangelischer Messbesucher zur Kommunion in der katholischen Eucharistiefeier
    und das Fehlen konkreter Lösungsansätze.

    Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, den Verfassern schwebte irgend so etwas wie die Wiedervereinigung Deutschlands vor, nur eben auf kirchlicher Ebene. Etwas, was von der Bevölkerung erzwungen werden könne. Der Titel “Ökumene jetzt” erinnert ja wohl nicht von ungefähr an eine der Bürgerrechtsbewegungen der späten DDR.

    An Stelle des all zu vagen und undifferenzierten Aufrufes möchte ich konkrete Ansätze vorschlagen und dazu Beispiele aus meinem Stadviertel nennen: Ein tieferes gegenseitiges Kennenlernen im persönlichen Austausch. Dieses kann im Internet geschehen, besser jedoch bei persönlicher Begegnung. Hier am Ort gab es über viele Jahre einen immer gut besuchten ökumenischen Gesprächskreis, der viel zum Abbau von Vorurteilen und zum besseren Verständnis, auch zum Entdecken von Gemeinsamkeiten beigetragen hat. Die Abende begannen in der Regel mit Kurzreferaten jeweils eines evangelischen und eines katholischen Geistlichen, daran schloss sich eine Publikumsdiskussion an. Das Wissen um Hintergründe, also warum etwas so und nicht anders gehandhabt wird, hat mich wesentlich “gnädiger” gegenüber vorher unverstandenen Phänomenen gemacht.
    Einrichtung gemeinsamer Bibelgesprächskreise und Gebetsgruppen.
    Gegenseitige Einladungen zu Gottesdiensten.
    Ökumenische Gottesdienste, Andachten und liturgische Projekte (z. B. “Nacht der Kirchen”).
    Zunächst konfessionsinterne Reflektion des eigenen Sakramentenverständnisses in Hinblick auf die Ökumene (also erst einmal innerhalb der Gemeindegremien).
    darauf folgend: reflektierte, behutsame eucharistische Gastfreundschaft.
    Gemeinsame caritative Projekte.

    Manches davon ist vielerorts schon selbstverständlich. Trotzdem liegt mir mehr daran, das Machbare zu machen als das Utopische nur zu wollen.Heute, am Reformationstag, wird der hiesige katholische Pfarrer in der Kirche der evangelischen Nachbargemeinde predigen. Morgen, am Allerheiligenfest, predigt sein lutherischer Kollege in der katholischen Kirche. In einem Monat beginnen die ökumenischen Adventsandachten. Das Weihnachtsfest wird mit einer ebenfalls ökumenischen Vesper beschlossen.

    Die österliche Bußzeit beginnt bei uns seit einige Jahren mit einem ökumenischen Gottesdienst an Aschermittwoch (Geistliche beider Konfessionen teilen das Aschekreuz aus), es gibt ökumenische Exerzitien im Alltag, in der Osternacht ist die evangelische Präsenz in der katholischen Messe nicht zu übersehen, schließlich endet der Osterfestkreis am Pfingstmontag mit einem ökumenischen Stadtteilgottesdienst.Vieles mehr ließe sich aufzählen. Wichtig ist nur, von vorne anzufangen und das Pferd nicht von hinten, mit der institutionellen Vereinigung von evangelischer und katholischer Kirche, aufzäumen zu wollen.

    Was ich mir im Zusammenhang mit dem Jubiläum des zweiten Vatikanischen Konzils und dem Gedächtnis an die Reformation (sowohl heute wie in größerem Rahmen in fünf Jahren) erhoffe, ist eine gemeinsame(!) und gründliche Aufarbeitung sowohl der theologischen wie auch der historischen Umstände der Reformation und ihrer Folgen. Dieses kann sicher zu einer neuen Bewertung des Verhältnisses der Konfessionen zueinander führen, hoffentlich auch zu einem unbeschwerteren Umgang miteinander. Hierin zumindest glaube ich mich mit den Unterzeichnern von “Ökumene jetzt” einig.

  2. Bis vor einigen Jahren habe ich mir den gemeinsamen Abendmahlsempfang als wichtigstes und schnell erreichbares Ziel der Ökumene vorgestellt. Doch dann bin ich – als Katholik in konfessionsverbindender Ehe lebend – in vielen lutherischen Gottesdiensten mit Abendmahl über viele Jahre immer wieder Zeuge von Verhältnissen geworden, die ich persönlich als dem Vermächtnis Jesu unwürdig erlebt habe:

    Regelmäßig wurde nach dem Abendmahl übrig gebliebener Wein oder Saft nach dem Gottesdienst einfach ins Abwaschbecken gekippt. In Familiengottesdiensten wurde als Ersatz für den Wein Weintrauben gereicht (damit auch kleine Kinder teilnehmen können), mit der Folge dass diese teilweise auf den Boden fallen, durch den Altarraum kullern und – wenn auch aus Versehen – zertreten werden konnten. Für einen katholischen Christen und ehemaligen Messdiener wie mich stellen Brot und Wein mit der Wandlung das Allerheiligste auf dieser Welt dar. Kein Tropfen soll weggeschüttet, kein Krumen weggeworfen werden. Seitdem mir klar geworden war, dass meine Beobachtungen in lutherischen Gemeinden keine Ausnahmen sind, sondern dass ein würdiger Umgang mit übriggebliebenen Gaben eher die Ausnahme darstellt, nehme ich persönlich in evangelischen Kirchen nicht mehr am Abendmahl teil.

    Mein Fazit: Ein würdiger Umgang mit den Gaben am Tisch des Herrn in allen beteiligten Kirchen ist für mich inzwischen eine unverzichtbare Voraussetzung für die Abendmahlsgemeinschaft der Konfessionen geworden, ganz unabhängig von Amtsverständnis und anderen Fragen. In dieser Richtung erlebe ich jedoch leider in den letzten Jahren keinerlei Fortschritt.

    All dies betrübt mich zutiefst: Es ist ein Traum meines Lebens, eines Tages mit meinen drei Töchtern und meiner Frau gemeinsam und in Würde zum Tisch des Herrn gehen zu können. Aber wenn Trennung 500 Jahre dauert, kann Wiedervereinigung wohl nicht mit der Peitsche in wenigen Jahren erzwungen werden, sondern muss in geduldigem, gemeinsamem Austausch über Jahre wachsen. Daher habe ich mich auch entschieden, diesen nach meinem Verständnis vor allem auf schnelle Erfolge gerichteten Appell nicht zu unterzeichnen.

    • Wir sollten da doch nicht so engstirnig denken. Bekanntlich haben alle christlichen Kirchen dasselbe Evangelium und alle versuchen es gewissenhaft und bestmöglich auszulegen um auch möglichst dem Willen und der Vorstellung Jesu nahe zu kommen. Das gilt für alles und so auch für Abendmahl und Eucharistie. Da kommt man nun aber zu verschiedenen Meinungen, von reinem Gedächnismal bis zu Realpräsenz über das Mahl hinaus.
      Welche Meinung und Auslegung da wohl Jesus und dem Evangleium am ehesten entspricht, dürfte nur Gott ganz alleine wissen. Jegliche Rechthaberei ist da einfach naiv und auch so zu werten und zu sehen.
      Zudem ist den selbst denkenden Christen und Katholiken kaum noch glaubhaft zu vermitteln, daß Gott sich in den Tabernakel einschließen läßt, oder bei Krankenkommunionen im Kofferraum eines Autos, in der Handtasche, im Rucksack usw. transportieren läßt. So werden Diskussionen über eine Realpräsenz über das Mahl hinaus, sicherlich noch Diskussionen erfordern.

      • Frank Brinkers

        Unabhängig von der Polemik: Ist es für einen würdigen Umgang mit Brot und Wein überhaupt wichtig, was genau man unter Brot und Wein versteht? Kann man nicht auch bei einem reinen Gedächtnismahl Würde wahren?

        Und wenn das alles engstirnig oder nicht so wichtig ist: Wozu wünschen Sie dann Abendmahlsgemeinschaft oder Ökumene überhaupt? Sinnentleert kann man fast alles gemeinsam tun…

    • Da gebe ich ihnen Recht! Auf dem Weg aufeinander zu sollten die Evangelischen sich der Bedeutung des Heiligen Abendmahles neu bewusst werden und in einer liturgisch angemessenen Weise damit umgehen lernen. Die Meinung, das Herrenmahl sei eine reine Erinnerungsfeier ist eine reformierte Extremposition, die nach der Leuenberger Konkordie gar nicht mehr den Stand der Diskussion darstellt. Aber viele – auch Evangelische! – gehen immer noch davon aus, das sei die evangelische Grundposition. Das ist aber so nicht richtig. Das erschwert natürlich das Gespräch mit den Katholiken. Da sagen die Katholiken natürlich. „Einigt euch erst mal selbst!“ Verständlich, finde ich.
      Die liturgisch beste Form wäre, wenn alle, die am Heiligen Abendmahl teilnehmen wollen, vor dem Gottesdienst je eine Hostie in die Patene einlegen, so dass zum Schluss nichts übrigbleibt. Auch der Kelch sollte nicht in den Ausguss :-[ entleert, sondern vollständig leergetrunken werden.

  3. Fürst zu Castell-Castell

    Ich unterzeichne die Erklärung „Oekumene jetzt“, weil ich diese Initiative sehr begrüße und denen danke, die sie als Erstunterzeichner veröffentlicht haben.
    Fürst zu Castell-Castell

  4. Michael Sprünken

    Antje Vollmer spricht einen wichtigen Punkt an: Nicht die Unterscheidungen sind es, die letztendlich problematisch sind, sondern das unterschiedliche Sichtweisen zu (gegenseitiger) Verurteilung führen. Das dogmatische Schwert (oder in vielen Fällen: der grobe dogmatische Knüppel) muss aufhören. Die Dogmatik selbst als Bemühung, das, was vor 2.000 Jahren in Jesus Christus passiert ist, für uns heute lebendig zu erhalten und immer wieder in für uns verständliche Sprache zu übersetzen kann, darf und muss weitergehen. Unterschiedliche konfessionelle „Dialekte“ sind dabei zunächst einmal kein Übel, sondern Zeichen des Reichtums, der in der christlichen Botschaft liegt.

  5. Wer sind für die Initiative ‚Ökumene jetzt‘ eigentlich Christen? Gehören da nur die beiden großen Landeskirchen dazu oder auch die Freikirchen? Und was ist das Ziel der Initiative? Eine Einheitskirche? Gemeinschaft beim Abendmahl? Und wie kann ich Ökumene praktisch leben? Was macht sie aus?

    • Es gibt hier ein gutes Wort: „Tun, was uns eint“ . Also Veranstaltungen , z.B. Erwachsenenbildung, Gebetsgottesdienste besuchen, ohne auf Konfession zu achten.Jedoch nicht trennende Fragen ignorieren, z.B. Abendmahl/Eucharistieverständnis.

    • Diese Fragen stellen mehr oder weniger alle Kommentatoren.
      Deshalb die eindringliche Bitte an die Initiatoren, jetzt mal „Butter bei die Fische“ zu geben und konkret zu werden.
      Oder doch zumindest mal zu schreiben, ob und wie über Konkretisierungen nachgedacht wird.

  6. Gustav-Adolf Wittbold

    Wenn die in beiden großen Kirchen leitend tätigen Männer und Frauen nicht bereit sind, die ökumenischen Bestrebungen in den Gemeinden zu unterstützen, werden immer mehr Christen enttäuscht aus den Kirchen austreten und Sekten oder sogar dem Islam zu wenden, so dass die „großen Kirchen“ langsam aber sicher „ausbluten“. Ein sehr großer Teil des „Kirchenvolkes“ zweifelt m.E. ohnehin an, ob viele „Kirchenfürsten“ ihr Amt aus rein theologischen Gründen ausüben, oder ob nicht menschliche Schwächen, wie persönliche Eitelkeit und Machtstreben, im Vordergrund stehen.

  7. Seit vielen Jahren gibt es in Tirol den Verein „Ökumenische Intitiative Tirol“ mit dem Logo „Ein Gott – Ein Glaube – Ein gemeinsamer Weg“ Unsere homepage findet man unter http://www.oekumene-tirol.at , wo unsere Ambitionen, Tätigkeiten usw. zu finden sind.
    Gerlinde Busse (ebenso einfache, selbstdenkende Evangelische), Obfrau der ÖIT

  8. Jan Hendrik Stens

    Kleiner Tipp: Die Konstitution des II. Vatikanischen Konzils „Lumen Gentium“ zur Hand nehmen, gründlich durchlesen, anschließend überlegen, warum ein aufrechter Protestant diesen Text ablehnen muß und warum so viele Katholiken auch nicht mehr dahinter stehen. Und zu guter Letzt: Sich selbst fragen, was man denn 50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil überhaupt noch von den Texten akzeptiert, die aus dieser Kirchenversammlung hervorgegangen sind.
    Jan Hendrik Stens (als einfacher, praktisch denkender Katholik)

    • Michael Sprünken

      Lieber Herr Stens,
      ich habe Ihren Kommentar gelesen und bin leider nicht dahinter gekommen, was Sie damit sagen wollen. Vielleicht können Sie Ihn so erläutern, dass man darüber ins Gespräch kommen kann? Danke!
      Michael Sprünken

  9. Bei der Unterscheidung zwischen Eucharistie und Abendmahl geht es nicht um „Eifersüchteleien'“, sondern um einen fundamentalen Unterschied. „Vergegenwärtigung“ ist etwas völlig anderes als bloßes „Gedächtnis“. Wäre das eucharistische Mahl nur Gedächtnis. hätte Paulus nicht in 1 Kor 11,27-29 auf einen
    unwürdigkichen Empfang hinweisen müssen. Allerdings wäre es für den heutigen Sprachgebrauch besser, nicht von“Opfer“ zu sprechen, sondern von „Hingabe“. Dann würde deutlich, dass sich nach kath. Lehre Jesus uns erneut hingibt, so wie im Abendmahlssaal seinen Jüngern. Deshalb im kath. Hochgebet die Anrufung des Hl. Geistes, der durch die Wiederholung der Einsetzungsworte durch den Priester die Gaben wandeln soll. Dies führt dann zur „bleibenden!! Realpräsenz“ des gewandelten Brotes und Weines in den Leib und das Blut Christi.

    • Michael Sprünken

      Lieber Herr Speth,
      in der Tat unterscheidet sich das Verständnis des Herrenmahls zwischen den Konfessionen z. T. erheblich. Sie benennen zwei Begriffe , die solche Unterscheidungen auf den Punkt bringen. Gedächtnis wird dabei von Ihnen als defizitärer Begriff angesehen
      In Lk 22,19 heißt es: „Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Ist Christus damit nicht auf der Höhe, wenn er hier „nur“ von Gedächtnis spricht? 1 Kor 11,24ff. spricht ebenfalls vom Gedächtnis.
      Offenbar ist Gedächtnis ein Begriff, der für die junge Kirche in Bezug auf das Herrenmahl essentiell ist. Wie kann es angesichts des biblischen Befundes angehen, Menschen, die versuchen, das Herrenmahl unter Rückgriff auf den Gedächtnis-Begriff zu verstehen, ein Defizit zu unterstellen? Könnte es nicht einfach auch sein, dass das Gedächtnis-Verständnis derjenigen, die den Begriff der Vergegenwärtigung als (einzig?) angemessen zum Verständnis des Herrenmahls ansehen, defizitär ist?
      Ist es nicht zielführender und der Botschaft Christi angemessener, im gegenseitigen Dialog zu verstehen, was wir positiv mit unseren Begriffen meinen anstatt sie negativ zu Abgrenzungszwecken zu verwenden?

  10. In Wirklichkeit ist es doch schon lange so, daß die Katholiken und Evangelischen sich glaubensmäßig immer näher kommen ja sich schon ganz nahe sind und lieber heute als morgen zusammen Gottesdiesnste feiern und Gott verehren wollen. Bei der Basis bestehen so kaum noch Probleme. Die Künstlichen, hauptsächlich auf amtskirchlicher Rechthaberischer beruhenden Probleme dürften so unter der Rubrik „unsinnige Eifersüchteleien“ der selbstherrlichen Herren in Purpur einzuordnen sein.
    Josef Berens (als einfacher, selbst denkender Katholik).

    • Lieber Herr Berens,
      ganz so einfach, wie Sie es hier darstellen, ist es leider nicht. Obwohl ich die Sehnsucht vieler ökumensich Bewegter Menschen nach gemeinsamen Gottesdiensten – auch mit gemeinsamer Feier des Herrenmahles! – teile, rate ich dazu, die Probleme etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und nicht einfach als „Eifersüchteleien der Herren in Purpur“ abzustempeln. Diese Sorgfalt sollten wir einander wert sein.
      Ich würde mir sehr wünschen, dass ein in der evangelischen Kirche gefeiertes Abendmahl von den Katholiken als der Eucharistiefeier gleichwertig anerkannt würde. Das hieße jedoch einzugestehen, dass ein Laie, also ein nicht sakramental zum Priester geweihter Mensch, der Liturgie vorstehen kann. Damit würde das Sakrament der Priesterweihe auch für die Katholische Kirche hinfällig (=überflüssig) werden. Die Priesterweihe in der apostolischen Sukzession, die durch dieses Sakrament erfolgende Verbindung mit der Gemeinschaft der Bischöfe und dem Papst und damit den Zwölf Aposteln, ist jedoch für die katholische Kirche konstituierend. Dieses Aufzugeben hieße für die Katholiken gewissermaßen, ihre Verfassung damit einen Teil ihrer Existenzberechtigung aufzugeben.
      Dazu mag man stehen wie man will, aber man sollte es zumindest wissen.
      Das Wissen übereinander ist meiner Erfahrung nach eine gute Brücke zueinander!

      • Zur Klarstellung: Zwischen evangelischer und katholischer Kirche gibt es 2 trennende Fragen, die teilweise zusammenhängen: Eucharistie/Abendmahlsverständnis und Weiheamt.
        Zur orthodoxen Kirche ist nur noch der Primat des Papstes trennend.
        Dies als Klarstellung zu weltkirchlichen Fragen, die besonders in der katholischen Kirche zu beachten sind.

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